Yes

warm
Drama

Von: Bernard Achour

EIN FILM, WIE EIN FAUSTSCHLAG IN DEN MAGEN

Man wird sich noch lange fragen, warum OUI bei den letzten Filmfestspielen in Cannes nicht im Wettbewerb gezeigt wurde. In der Parallelsektion «La Quinzaine des Réalisateurs» ausgewählt, war er dort das Highlight und erweist sich heute als stark elektrisierendes Ereignis des Kinojahres.

Regie führt der Israeli Nadav Lapid. OUI nimmt uns mit auf die Spur von Y., einem unsicheren Jazzmusiker, und seiner Partnerin Jasmine, einer Tänzerin, die ihre Kunst und ihren Körper an die Mächtigen in Tel Aviv verkauft. Das Paar wird von den dekadenten Festen der Elite verschlungen, bis zu dem Tag, an dem Y. eine sinnlose Aufgabe bekommt: eine neue Nationalhymne zu komponieren, während Gaza in der Ferne brennt. Durch die Geschichte eines Mannes, der laut seinem Regisseur «sich entscheidet, zu kriechen, um durch die geöffnete Tür zu schlüpfen, bevor sie sich schliesst», ist dieser Film ein vulkanisches Werk über Unterwerfung, Kompromissbereitschaft und das Überleben in einer Gesellschaft im Zusammenbruch. «Die Unterwerfung ist die einzige Wahrheit der Zeit», verkündet Nadav Lapid und fasst so die moralische Schwindel seines Anti-Helden zusammen.

Chaos als Sprache

Doch der Film predigt keine Moral, er entfacht einen Sturm. Festgehaltene Partys wie Albtraum-Clips, die Kamera, die convulsiv wirkt und an Pollock erinnert, Körper, die sich küssen, zerfleischen, prostituieren: Alles in OUI ist Übertreibung und Klarheit zugleich. Der Mund, der allgegenwärtig ist, dient nicht mehr dem Sprechen, sondern dem Schlucken, Lecken, Erbrechen: ein groteskes Symbol eines Landes, das sich selbst verschlingt. «Unsere Eltern haben uns ein Land verkauft, das es nicht gibt», sagt eine Figur und verdichtet in einem Satz die kollektive Illusion Israels und die intime Explosion, die der Film auslöst.

Der Abschied eines Filmemachers

Durch Y., den pathetischen Clown, der wider Willen zum Kollaborateur wird, liefert Nadav Lapid seine brutalste Diagnose: Die Kunst in Israel hat ihre Seite gewählt. Und er, der inzwischen in Frankreich lebt, verabschiedet sich vom Land, das von Hass und Rache verschlungen wird. «Ihr seid schwer zu lieben», sagt er in einem Dialog des Films an seine Landsleute. Doch das Werk, eine tragische Musical-Oper mit punkigen Ausbrüchen, ist nicht nur ein Pamphlet. Es ist auch durchdrungen von Liebesimpulsen, Berührungen, einem unerfüllbaren, aber beharrlichen Wunsch nach Pracht – als Erinnerung daran, dass das Leben selbst im Herzen der Katastrophe an die Tür klopft.
Glühend, zornig, virtuos, hoffnungslos klar: OUI ist ein Brandbeschleuniger, der jede Einstellung zu einem Schlag in die Magengrube macht. Ein Film, der nicht nur zeigt: Er versengt. Und hinterlässt Glut, die keine Zensur oder Stille auslöschen kann.

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