LONDON. 23 Charaktere, aber nur ein Schauspieler - wir traffen James McAvoy zum Interview, wo er über die wohl grösste Herausforderung seiner Karriere und die Besessenheit von Regisseur M. Night Shyamalan spricht.
James McAvoy, man sieht das Plakat zu GLASS und denkt man wisse was kommt. Dennoch überrascht der Film das Publikum... Ah danke, das ist toll. Ich bin wirklich begeistert von dem Film. Das Publikum ist offenbar schon ganz aufgeregt, denn Film zu sehen. Das macht mich wirklich glücklich.
Wie anstrengend war es Kevin und all die anderen Charaktere zu spielen? Sehr anstrengend. Kevin ist in erster Linie emotional sehr anstrengend. Hedwig wiederrum ist körperlich sehr anstrengend, da er ständig auf Achse ist und herumspringt. Das Biest ist ziemlich anspruchsvoll, denn er ist immer irgendwie aktiv mit seinem Körper. Selbst wenn er stillsteht, ist er bis aufs äusserste angespannt. Das Training für diesen Charakter war sehr intensiv. Alles in allem war es zwar schwierig, hat jedoch Spass gemacht und es war eine tolle Herausforderung.
Stellen Sie sich vor, Sie würden Schauspielunterricht geben. Wäre diese Herausforderung nicht gerade eine perfekte Übung? Ach ja, sie meinen den Jungschauspielern zuschauen wie sie alle einen meiner Charaktere spielen? Im Stil von: «Für die erste Lektion möchte ich, dass Sie alle meine Performance von GLASS spielen. Los geht’s!» Das wäre glaube ich eine schreckliche Stunde (schmunzelt). Aber ein interessanter Gedanke.
Was war für Sie die grösste Schwierigkeit, sich an alle Charaktere zu erinnern oder improvisierten Sie? Regisseur M. Night Shyamalan hat es nicht gern, wenn man improvisiert. Ihm ist wichtig, dass man seine Worte benutzt. Anders kann man es wirklich fast nicht sagen. Er mag, was er geschrieben hat und möchte, dass man es so sagt (schmunzelt). Komischerweise hat er mich als Hedwig mehr improvisieren lassen. Er war irgendwie empfänglicher für Vorschläge von meiner Seite her. Bei den meisten jedoch, wollte er wirklich alles so haben, wie es geschrieben war. Das Wichtigste bei all diesen Persönlichkeitswechsel ist wahrscheinlich jedoch einfach die Kontrolle zu behalten. Es geschieht schnell, dass einem alles entgleitet.
Was meinen Sie mit entgleiten? Angst, Wut und Panik sind Emotionen, die schnell entgleiten und Charaktere daher gleich wirken lassen können. Denn jeder Charakter hat die Emotionen, doch jeder empfindet und drückt sie anders aus. Zudem haben alle Charaktere andere Gründe, weshalb sie sich so fühlen. Dadurch wurde alles schon fast eine technische Übung. Ich musste mich auch ein bisschen auf mein Handwerk verlassen und einfach die Emotionen fliessen lassen. Denn vielfach wollen die Filmemacher einfach, dass man Emotionen zeigt, roh und echt. Gleichzeitig muss man auch mit der Technik arbeiten.
Es war für viele eine Überraschung, dass dieser Film Teil einer Trilogie ist. Wie sieht es bei Ihnen aus, hat M. Night Shyamalan Sie bei SPLIT schon darüber informiert? Nein, nicht wirklich. Als ich bei SPLIT ans Set kam, wusste ich noch nicht, dass er mit UNBREAKABLE verbunden ist. Es hatte eine kleine Andeutung im Skript, aber diese war so klein. Ich dachte mir nicht viel dabei. Nach ein paar Wochen Dreh meinte er dann, wenn der Film erfolgreich sei und Geld einspiele, dann könnte man GLASS machen und meine Figur auf David Dunn treffen lassen. Ich schaute ihn an und verstand die Welt nicht mehr. Das alles hat mich sehr verwirrt. Jedoch liess ich es erscheinen, als hätte ich dann schnell zwei und zwei zusammengerechnet. Ich sagte ihm, dass ich es eine tolle Idee finde. Mehrere Wochen später packe ich dann aus und erzählte ihm, dass ich anfangs keinen Schimmer hatte, wovon er sprach (lacht). Das Ende von SPLIT ist nun auch viel offensichtlicher, als die Dinge, die ich im Originalskript gelesen hatte. So toll das Ende dann auch war, ich wusste in der Tat nicht, dass es eine Trilogie werden würde.
M. Night Shyamalan ist sehr leidenschaftlich. Ich nehme an er gibt im Voraus nicht allzu viel Preis? Nein, tut er in der Tat nicht. Vermutlich ist es sogar eine Mischung aus dem und dass er nicht zu weit gehen wollte. Deshalb hat er einfach ganz leicht angefangen.
Wie war es mit den Schauspielern Samuel L. Jackson und Bruce Willis zusammenzuarbeiten? Es war unglaublich. Sie sind für mich Filmlegenden seit ich ein kleiner Junge bin. Sie sind nicht einfach Superstars, die man kurz grüsst und miteinander arbeitet. Nein, es sind diese beiden, Samuel L. Jackson und Bruce Willis. Ich habe Bruce Willis schon mit sechs Jahren in Filmen gesehen. Schon in diesem jungen Alter fand ich ihn lustig, toll und ein genialer Schauspieler. Samuel L. Jackson ist ein absolut vielfältiger und grossartiger Schauspieler. Mit ihm zu arbeiten war ebenfalls sehr einschüchternd. Nach ein paar Tagen wurde es dann einfacher. Weil Bruce einfach so grosszügig und nett ist und Samuel ist extrem lustig. Das balanciert einem bei der Arbeit enorm aus.
Haben Samuel L. Jackson und Bruce Willis eine eigene eingefleischte Harmonie, die sie so aussergewöhnlich erscheinen lässt? Absolut. Sie teilen eine Erfahrung, die lange zurück reicht. Wenn man sie zusammen erlebt, spürt man diese Vergangenheit. Das ist wirklich cool. Und nicht nur über was sie sprechen, sondern auch die Art und Weise, wie sie miteinander sprechen, ist genial. Das Tolle an allem ist die Freude, die sie haben am Set zu sein. Ich habe schon mit jüngeren Schauspielern gearbeitet und die hatten nicht dieselbe Erfahrung hatten. Die waren teils viel weniger begierig und erfreut über ihre Arbeit als Schauspieler. Zusehen, dass diese beiden die Freude und den Hunger nach ihrer Arbeit haben, war nicht nur wundervoll zu sehen, sondern auch inspirierend.
M. Night Shyamalan ist einzigartig als Regisseur und schon fast eine Ikone. Was macht ihn Ihrer Meinung nach aus? Er ist vermutlich einer der best-vorbereiteten und spezifischsten Regisseure mit denen ich zusammengearbeitet habe. Er macht seine Hausaufgaben mit einer Besessenheit und vergisst Schweiss und Blut darüber. Das ist grossartig, denn man kommt ans Set und es wurde alles schon genaustens vorbereitet. Man muss nicht noch Dinge besprechen oder Szenen üben, sondern alles ist bereits klar definiert. Selbst, wenn man nicht mit gewissen Dingen einverstanden ist oder eine andere Meinung hat, ist es besser, wenn jemand schon eine starke Meinung hat. Denn wenn man nach zwei Stunden diskutieren verschiedene Meinungen hat, bringt einem das nicht weiter. Glücklicherweise ist M. Night Shyamalan brillant und es sollte überall so sein. Leider ist das nicht immer der Fall.
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